Es hat schon etwas Romantisches, wenn der Underdog gewinnt, nicht wahr? In der Geschichte des Sports hat es im Laufe der Jahre einige große Überraschungen gegeben, es gab unerwartete Gewinner und eher unauffällige Teams haben chancenreiche Favoriten aus dem Rennen geworfen.

Letztes Jahr war Leicester City dran. Im Februar 2015 standen die Foxes kurz vor dem Abstieg aus der Premier League auf dem 20. Platz. Nach einem Jahr sah es schon wieder ganz anders aus. Leicester City schaffte es, sich zurückzukämpfen, und nach einer unglaublichen Saison belegt das Team jetzt die Spitzenposition der Liga. Hätten Sie sich vorstellen können, dass Leicester im vergangenen Jahr die Premier League 2015/16 gewinnen würde? Die Chancen standen nahezu bei Null. Wenn es dem Team gelingt, den Titel zu behaupten, ist das vergleichbar mit einem Spieler, der im Casino sehr groß abräumt – einmal im Leben.

Um uns weitere Underdogs anzusehen, steigen wir in unsere Sport-Zeitmaschine und werfen einen Blick zurück auf einige der größten Überraschungen überhaupt.

DOUGLAS BESIEGT IRON MIKE am 11. Februar 1990

Dougles vs iron mike odds 42:1

Am Übergang zwischen den 1980er und den 1990er Jahren galt Mike Tyson als der „härteste Kerl“ der Boxwelt. Bei einer im Vergleich zu den anderen Schwergewichten eher kleinen Größe von 1,78 bezweifelten viele Sportkritiker Tysons wahres Potenzial, als er 1985 in den Ring trat – aber zur Jahrzehntwende stand Iron Mikes Rekord bei ungeschlagenen 37:0 Siegen. Er hat die vier großen Weltmeisterschaftsgürtel erhalten und schien der Anwärter auf Mohammed Alis Thron als der König des Boxens zu sein. Tyson hatte es allen gezeigt.

Nach seiner rücksichtslosen Vernichtung von Carl Williams in seinem vorherigen Kampf (K.o. in der ersten Runde, dank einer Flut von Gegenschlägen, nachdem er den Hieben seines Gegners ausweichen konnte) sah es aus, als könnte niemand Tyson aufhalten. Aber als Champion muss man sein Gold verteidigen. Tysons nächster Gegner im Ring war der Amerikaner James „Buster“ Douglas. Douglas war ein angesehener Sportler mit ordentlichen 30 Siegen in 35 Kämpfen, aber in Iron Mikes Liga spielte er eher nicht mit. Nachdem er in den späten 80er Jahren die Schwergewichtwelt dominiert hatte (niemand hatte in drei Jahren länger als fünf Runden gegen ihn bestanden), schien es, als würde Tyson seine Herrschaft des aggressiven Boxens im nächsten Jahrzehnt fortsetzen.

Douglas' Schicksalstag stand bevor – der 11. Februar 1990, im Tokyo Dome in Japan.

Natürlich glaubte niemand, dass Buster eine Chance hätte. Die Buchmacher waren von Tysons Sieg so überzeugt, dass die Mehrzahl nicht einmal auf den Kampf wettete. Sie wollten nicht auf einen Tyson-Sieg auszahlen müssen und nahmen an, dass es wahrscheinlicher wäre, vom Blitz getroffen zu werden, als dass Douglas Champion würde. Sogar Las Vegas, die legendäre Glücksspielstadt, spielte hier nicht mit. Das Mirage war das einzige Casino auf dem Strip, das Wettquoten von 42:1 für einen Sieg von Douglas anbot.

Mit seinen Schwergewichtstiteln im WBC, WBA, IBF und The Ring war Tyson nicht besorgt und behauptete, dass Douglas für ihn keine Herausforderung darstellte. Iron Mike hatte für den Kampf kaum trainiert, er hatte ein paar Sparringstunden mit seinem Trainer Greg Page, und er war viel mehr daran interessiert, abseits des Sports zu feiern. Zu Promoter Don Kings Bestürzung kam Tyson mit 30 Pfund Übergewicht in Japan an, aber er zweifelte nie daran, dass sein Boxer einen weiteren Sieg erringen würde.

Ab dem ersten Gong konnte es aber nur einen Sieger geben. Douglas griff sofort an und malträtierte Tyson mit kurzen Geraden und unvergleichlichen Fausthieben. Er hatte den Champion zu einem Kampf herausgefordert und besiegte ihn. Tyson nahm die Hiebe von Douglas entgegen und konnte aus seinem geschwollenen rechten Auge kaum noch etwas sehen.

Aber dann schien sich der Kampf wieder auszugleichen, als Tyson seinen Gegner mit einer harten Rechten auf den Boden schickte. Bis heute wurde viel über den 10er-Countdown diskutiert, aber Buster nahm irgendwie all seine Kraft zusammen und kam wieder auf die Beine – ein Wendepunkt im Kampf. Tyson wusste, dass sein Bestes nicht gut genug und dass er ungenügend vorbereitet war.

Die zehnte Runde signalisierte das Ende. Tyson wusste, dass er seinen Gegner k.o. schlagen musste, und schlug wie wild um sich. Aber Douglas blieb cool und ließ den Champion Tyson mit einem mächtigen Kinnhaken taumeln. Nach weiteren vier Schlägen ging Tyson zum ersten Mal in seiner Karriere zu Boden. Sein Zahnschutz hing aus seinem Mund, als er versuchte, wieder auf die Füße zu kommen, während Schiedsrichter Octavio Meyran bis 10 zählte. Douglas hatte es geschafft. Er hatte den Weltmeister besiegt. Den härtesten Kerl der Welt. Iron Mike Tyson.

Die Boxwelt hatte keine so große Überraschung erlebt, seit ein 42-1 Außenseiter den Weltmeister besiegte – dies ist der Stoff, aus dem Märchen gemacht sind.

DIE HEIMAT DES FOOTBALLS VERLIERT GEGEN DIE HEIMAT DES FUSSBALLS – 29. Juni 1950

England - USA 1950 Quote 500:1

Obwohl die USA inzwischen auch im „Fußballfieber“ sind – dank der großartigen Talente des Major League Soccer und der Leistungen des Nationalteams bei der FIFA Fußball-Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien – war dies nicht immer so.

Bereits 1950 waren die USA eher für die Liebe zum Baseball und zum Boxen bekannt. Football wurde langsam ebenfalls populär. Aber Fußball hatte sich nie wirklich durchgesetzt, so dass die USA Semi-Profis in ein internationales und hochprestigeträchtiges Turnier schickten. Das Team bestand aus Lehrern, Postboten und sogar einem Leichenwagenfahrer. Die Mannschaft schaffte nur eine Trainingseinheit kurz vor der Abreise nach Brasilien. Die Vorbereitung war also alles andere als ideal.

Nachdem sie ihr Eröffnungsspiel mit 3:1 gegen Spanien in Curitiba verloren hatten, wurde die Aufgabe der USA nicht einfacher – als nächstes mussten sie gegen die mächtigen Three Lions, also gegen England, spielen. Nach 23 Siegen in 30 Spielen galt England in der Nachkriegszeit als „König des Fußballs“ und beschäftigte einige der weltbesten Fußballtalente. Billy Wright, Tom Finney und Stan Mortensen spielten für das Team von Walter Winterbottom, das es sich sogar leisten konnte, den legendären Stanley Matthews auf der Ersatzbank sitzen zu lassen, nachdem er nach einer Verletzungszeit zurückgekehrt war.

Vor dem Turnier war England der Favorit mit Wettquoten von 3:1. Nur ein mutiger Glücksspieler hätte auf die Vereinigten Staaten gesetzt, die Buchmacher handelten sie mit 500:1 für einen Sieg gegen England. Niemand glaubte, dass sie den Titel holen!

Die Chancen waren so gering, dass auch Bill Jeffrey, der Mannschaftstrainer der USA, das Gefühl hatte, dass seine Spieler ‚Schafe waren, die auf die Schlachtbank warteten‘. Wer hätte ihm deswegen Vorwürfe machen können, wenn es gegen das damals beste Team der Welt ging?

Wie Sie sich vorstellen können, war zu Anfang des Spiels nur ein Team wirklich anwesend – England. Das Team startete eine Angriffswelle gegen die amerikanische Verteidigung nach der anderen, aber der Schotte Jeffrey hatte sein Team gut organisiert und es konnte standhalten.

Aber in der 37. Minute änderte sich das Spiel.

Der amerikanische Mittelfeldspieler Walter Bahr holte sich den Ball 27 Meter vom Tor und wollte Englands Torwart Bert Williams auf die Probe stellen. Die Aufgabe schien für den Torwart einfach zu sein, aber dann kam Joe Gaetjens. Der Halbprofi und Tellerwäscher stürzte sich auf den Ball, erwischte ihn mit dem Kopf und lenkte den Ball in Williams' Tor.

USA 1 : 0 England. Ein Ergebnis, das sich niemand hätte vorstellen können.

Aber England hatte noch 57 Minuten Zeit für einen Ausgleich und weitere Treffer, um die USA wieder an ihren angestammten Platz zu bringen, denn das britische Team war immer noch der Favorit. Wie die Geschichtsbücher zeigen, kam es aber ganz anders.

Die Paraden des US-Torhüters Frank Borghi stoppten die Angriffe von Finney und seinem Team. Und die Underdogs hatten sogar die Chance, in den letzten Minuten ein weiteres Tor zu erzielen. Dies wurde von Alf Ramsey auf der Torlinie verhindert.

Der Abpfiff ertönte und das Unglaubliche war passiert: Billy Jeffreys Team aus Teilzeitfußballern hatte das große Nachkriegs-England in seiner Königsdisziplin geschlagen.

BRADYS PATRIOTS VON DEN GIANTS GESCHLAGEN – 3. Februar 2008

New England Patriots - New York Giants Quote 20:1

Vor acht Jahren spielte eines der am besten organisierten und leistungsstärksten Teams, die es je in der NFL gab – die New England Patriots. Die Pats, angeführt von Vorzeigespieler Tom Brady, standen in einer perfekt laufenden Saison an der Spitze. Das Team war ungeschlagen und hielt einen Rekord von 19:0. Brady selbst hatte den Most Valuable Player Award der Liga erhalten und die Pats wollten ihren Namen in den Geschichtsbücher als das erfolgreichste Team der NFL verewigen, indem sie den Super Bowl XLII gewannen und eine ganze Saison ungeschlagen beendeten. Das hatten zuvor nur die Miami Dolphins im Jahr 1972 erreicht. Aber die New York Giants hatten andere Pläne.

Im wahren Underdog-Stil hatten die Giants unerwartet das Finale erreicht und sich entschlossen durch die NFC-Division und die Play-offs gekämpft. Nach einem schwierigen Start in die Saison hatte Eli Manning den Giants geholfen, sich in der Saison zu verbessern, er diktierte die Team-Taktik und ließ das Team vom Quarterback ausgehend spielen, damit seine Teamkollegen auf seine Würfe reagierten und Spiele gewinnen konnten. Er spielte während der Play-offs überragend und kämpfte sich mit den Giants bis zum Super Bowl in Phoenix, Arizona durch. Manning war gut – aber er war nicht Brady.

Der 3. Februar 2008 war der entscheidende Tag für die Patriots – konnten sie ihre fünfte Vince-Lombardi-Trophäe seit 2001 gewinnen? Der ganze Druck lag auf ihnen, nicht auf den New York Giants.

Das Spiel verlief in den ersten drei Quartern wie erwartet, bis die Patriots das Spiel in die Hand nahmen und es völlig dominierten. Trotz der starken Verteidigung der Giants stand es knapp zwei Minuten vor Spielende 14:10 für New England. Brady und Co wussten, dass sie, wenn sie 120 Sekunden durchhalten könnten, einen neuen Legendenstatus erlangen würden. Niemand hätte vorhersagen können, was passierte.

Die Giants waren in ihre Spielhälfte zurückgedrängt und die Zeit lief ihnen davon. Eli Manning zauberte dann eine Reihe von Spielzügen, von denen man nur träumen kann. Genau wie der kluge Blackjack-Spieler im Casino hielt er seine Karten verdeckt, aber seine Taktik funktionierte auf den Punkt. Ausgehend vom Quarterback trieb Manning die Giants nach vorne und setzte dabei all seine Fähigkeiten und sein taktisches Können ein, um die Verteidigung der Pats zu durchbrechen. Es blieben noch 35 Sekunden und Manning erhielt den Ball vom Ruckman und warf einen einmalig guten Pass über knapp 12 Meter durch die Luft, genau in die Hände von New Yorks Plaxico Burress, der mit dem Ball für einen Touchdown landete. Die Giants hatten im letzten Quarter 14 Punkte zurückgelegen und führten nun 17:14.

Die Entschlossenheit der Giants war deutlich. Es blieben noch 20 Sekunden und Jay Alford durchbrach noch die Pats-Blocker und warf Tom Brady auf den Rücken, als dieser versuchte, einen Pass zu bekommen – mit einem Sieger-Tackle.

Die Giants konnten den Spielstand in den letzten Sekunden halten und gewannen das Spiel. Manning gewann den Titel des MVP (Most Valuable Player – wertvollster Spieler) für eine Brady-mäßige Leistung, und die Zuschauer konnten nicht glauben, was sie erlebt hatten. Die Giants hatten die bislang ungeschlagenen Pats besiegt.

IN LETZTER SEKUNDE BESIEGT JAPAN DIE STARKEN SPRINGBOKS – 19. September 2015

Japan - USA Quote 33:1

Auch wenn Sie sich mit Rugby nicht auskennen, eins wissen Sie sicher – Südafrika ist ein viel besseres Team als Japan.

Die zweimaligen Weltcup-Sieger gingen 2015 als einer der Titelanwärter in das Turnier. Viele freuten sich in den Endspielen auf die Begegnungen der Springboks mit den Teams der Süd-Hemisphäre Neuseeland und Australien.

Die Südafrikaner waren zudem in einer sehr günstigen Gruppe neben den USA, Schottland, Samoa und Japan. Sie wollten Gruppensieger werden und den Teams eine Lektion erteilen, während sie Pool B auseinandernahmen.

Im Eröffnungs-Pool-Match spielte Südafrika im Brighton Community Stadium gegen Japan – der 4. in der Weltrangliste gegen den 14.. Das sollte ein leichter Sieg für die Springboks werden. Was sie jedoch nicht erwartet hatten, war, in einem Spiel zu spielen, das zu einer der größten Überraschungen der Rugby-Geschichte wurde.

Nach einer eng umkämpften ersten Halbzeit konnten die Springboks in der zweiten Halbzeit etwas durchatmen, dank der Bemühungen von Lood de Jager und Adriaan Strauss. Die Japaner waren noch nicht geschlagen und schafften es auf ein 29:29. 10 Minuten waren noch zu spielen. Die Japaner waren trotz ihrer tapferen Bemühungen so gut wie geschlagen, nachdem Handré Pollard einen Elfmeter kickte und Südafrika 7 Minuten vor Schluss mit 32:29 in Führung brachte.

Keiner schrieb Japan ab, besonders mit dem hoch angesehenen Trainer Eddie Jones an der Spitze. Sie gaben alles, griffen die Back Line der Südafrikaner immer wieder an und hielten den Ball im Spiel, als das Klaxon nach 80 Minuten ertönte. Das Spiel läuft weiter, bis der Ball in der Rugby Union ‚tot‘ ist. Nach 84 Spielminuten war die Abwehr der Springboks am Ende, Karne Hesketh konnte sie durchbrechen und einen Treffer erzielen. Japan, die unterlegene Mannschaft, die seit 1991 kein WM-Spiel gewonnen hatte, hatte das mächtige Südafrika besiegt.

Die Springboks haben wahrscheinlich untersucht, wie ein solches Ergebnis zustande kommen konnte, aber für Japan war es die größte Überraschung der Rugby-Geschichte.

Unsere Reise in die Vergangenheit hat bewiesen, dass der Underdog immer eine Chance hat. Kann der unmögliche Traum wahr werden, wird Leicester City entgegen aller Wahrscheinlichkeiten im Mai die Premier League gewinnen? Die Foxes zu Beginn der Saison zu unterstützen, wäre vergleichbar mit dem Einsatz auf eine einzige Roulettezahl im Casino gewesen – eine schwierige Aufgabe. Mit nur einer Handvoll verbleibender Spiele konnte dies wirklich die größte Überraschung aller Zeiten werden.

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